Wallfahrt nach Kleinenberg
(Paderborn/Kleinenberg) Auf dem Liboriberg, sonst eher bekannt für fröhliches Jahrmarktstreiben, traf sich am Sonntag, den 29. Mai 2011, kurz nach 6 Uhr eine kleine Gruppe um einen Herrn in schwarz. Aber die Erschienenen gehörten weder zu den verspäteten Nachschwärmern, die an der nahen Rosenstraße ihr Frühstücksbier tranken, noch waren sie traurig gestimmt, was die schwarze Farbe nahe legen könnte. Froh gestimmt bereitete man sich für die Wallfahrt zur Muttergottes vom Kleinen Berge vor. Prälat Dr. Heribert Schmitz – der „Herr in schwarz“ spendete den Wallfahrtsegen. Danach stieg man in Autos und fuhr zum Abmarschpunkt in Grundsteinheim. Von dort ging es über Lichtenau, wo um 9 Uhr weitere Fußpilger dazukamen; selbst aus Kassel waren einige angereist. Um 11 Uhr dann war die Ankunft in Kleinenberg, wo Monsignore Otto Brauer die Gruppe begrüßte. Mittlerweile trafen auch die Autofahrer ein, so dass zum Einzug die Marienkapelle voll besetzt war, die Bänke und Sitzgelegenheiten reichten nicht aus, alle Gläubigen zu fassen, einige mussten stehend mitfeiern. Bereits zum vierten Mal fand diese Wallfahrt statt. Im Motu Proprio, erlassen am 7. 7. 2007, hatte der Heilige Vater, Benedikt XVI, klar gestellt, dass die „Alte Heilige Messe“ niemals verboten war, und die Möglichkeit geschaffen, sie als außerordentliche Form des römischen Ritus überall zu feiern. Dank dem H.H. Erzbischof konnte in Paderborn sehr bald nach Inkrafttreten der Verordnung die Heilige Messe in dieser Form gefeiert werden, zunächst mittwochs in der Krypta des Hohen Domes und bald auch an Sonn- und Feiertagen in der Gaukirche, am Marktplatz, direkt gegenüber dem Dom. Ein Sonntag allerdings fiel bei diesem Angebot heraus: Am Sonntag nach dem Fest Christi Himmelfahrt war keine Messfeier möglich, benötigte die Innenstadtgemeinde St. Liborius den Kirchenraum selbst. Ein Ausweg war schnell gefunden: Eine Messe war möglich in Kleinenberg, der Marienwallfahrtsstätte im Paderborner Land. Damit verband sich rasch auch die Idee einer Wallfahrt. Im Jahr 2008 begann, was in diesem Jahr – allerdings mit einer Terminverschiebung – wieder festlich gefeiert wurde. Beim ersten Mal war auch der Bürgermeister von Lichtenau mit seiner Frau unter den Pilgern. Das war durchaus bedeutsam, da ein kurzes Stück des Pilgerwegs über ein vielbefahrene Bundesstraße ging; im folgenden Jahr war diese Strecke entschärft durch einen frisch angelegten Fußweg: dem Bürgermeister und der Helferin vom Kleine Berge sei gedankt! In diesem Jahr wurde nach dem Einzug zunächst eine Marienkerze geweiht, es folgte das österlichen „Vidi aquam“ und die Spendung des Weihwassers. Dann begann die Heilige Messe in der alten Form, wie sie seit Gregor dem Großen gefeiert worden ist, von Pius V in Trient bestätigt und in die gültige Form gebracht. Die außerordentlichen Form des römischen Ritus bewies ihre wirklich „außerordentlichen“ Qualitäten. Ihre Schönheit strahlte geradezu auf: Festlich geschmückter Altar, prachtvolle Gewänder, Weihrauchschwaden, zahlreiche Ministranten, alle verfügbaren Register der Orgel, Proprium und Ordinarium von der Schola im Gregorianischen Gesang, viele „alte“ Lieder, darunter das leider verdrängte „Wunderschön prächtige“. Die Predigt von Monsignore Brauer bewies, dass dieser Priester einer der vorzüglichsten Prediger in Paderborn ist: Maria, die „Rosa mystica“, die Mitte der Kirche. Aber die eigentliche Schönheit geschah – wie überall bei dieser Feier der Heiligen Messe – in der unblutigen Vergegenwärtigsetzung des Kreuzesopfers Christi. Sie strahlte ins Innere der Gläubigen, die ihre Anliegen vor dem Herrn und der Gottesmutter ausbreiteten und so in wirklicher, aktiver Teilnahme das Heilige Opfer mitfeierten. Ein Besucher äußerte das so: „Wir konnten endlich mal wieder geistig bei einer Messe voll auftanken.“ Es waren also nicht nur „Tradis“ gekommen, sondern viele Gläubige, auffallend viele junge Menschen, die hier zum ersten Male oder nach langer Zeit wieder diese heilige Messe feiern konnten. Um 15 Uhr fand die Wallfahrt dann ihren Abschluß. Zwei Diakone aus Paderborn, die sich auf ihre Priesterweihe am nahen Pfingstfest vorbereiten, übernahmen die Andacht am „Brünneken“ vor der Lourdesgrotte. In Prozession und im Wechselgesang die Lauretanische Litanei betend zog dann die Gruppe, zu der am Nachmittag noch weitere Beter hinzugekommen waren, zurück in die Wallfahrtskapelle, wo Monsignore Brauer zum Abschluß den sakramentalen Segen spendete. Die Resonanz war auch in diesem Jahr äußerst positiv. „Ganz anders als sonst und doch wie immer schön!“ – so ein Urteil, das am Rande zu vernehmen war. Das ist sicherlich die beste Ermunterung, die den verantwortlichen Organisatoren gegeben werden kann. Und im nächsten Jahr gibt es dann hoffentlich das erste Jubiläum, das zeigt, wie jung die „alte“ Messe ist: Fünf Jahre „außerordentliche Messe“ in der Marienwallfahrt zur Helferin vom Kleinen Berge.

Inhalt:
"3
Jahre Freigabe der alten Messe - Wohin
geht die Reise?" von Pfr. Ulrich
Terlinden (Sendung vom domradio zum
Anhören)
- "Liturgie
und Leben: Vom Ort der Liturgie in der
Wirklichkeit" von Benedikt
XVI./Joseph Ratzinger
- "Wallfahrt
nach altem Ritus" [Bericht zur
Marienwallfahrt nach Kleinenberg vom 16.
Mai 2010] aus Westfalen-Blatt 31. 05.
2010
- "Was
feiern wir am Sonntag" von Benedikt
XVI./Joseph Ratzinger
- "Lehre
über das Heilige Messopfer" Konzil
von Trient, Sessio XXII.
- "Jeder
kann offen dazu stehen" [Artikel zu
1 Jahr MP "Summorum
Pontificum"] aus neue bildpost 2008
- "Es
sind nicht die ewig Gestrigen"
[Plädoyer für Messe im röm. Ritus) aus
Neue Westfälische 13. 08. 2008
- "Paderborner
Wallfahrt zur Helferin vom Berge"
(Marienwallfahrt am 4. Mai 2008) von
Wolfgang Kühnhold
- "Sonntags
um 11 Uhr in der Gaukirche"
(Bereicherung des liturg. Angebotes in
PB) von Wolfgang Kühnhold
- "Neubeginn
in Paderborn" (2 Artikel aus dem
Rundbrief PMT, Nr. 34, März 2008) von
Pro Missa Tridentina
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Audiobeitrag Pfr. Ulrich
Terlinden: „3 Jahre Freigabe der alten Messe
– Wohin geht die Reise?“ - Sendung zum
Nachhören (17.9.2010)
In der
außerordentlichen Form sieht Pfr. Terlinden die
Chance, an den Ursprüngen Maß zu nehmen und die
Liturgie stärker als einen Akt der
Gottesverehrung zu begreifen. Seinen Vortrag
hielt er im Mai 2010 im Liborianum zu Paderborn.
Zum Anhören des Beitrages einfach auf die blaue
Schrift klicken!
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Papst
Benedikt XVI. /Joseph Ratzinger
Liturgie
und Leben: Vom Ort der Liturgie in der
Wirklichkeit
in: Joseph
Ratzinger, Der Geist der Liturgie. Eine
Einführung. Freiburg 62005,
S. 11-19
Was ist das
eigentlich - Liturgie? Was geschieht dabei? Auf
welche Art von Wirklichkeit treffen wir da? In
den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde
der Vorschlag gemacht Liturgie als
"Spiel" zu verstehen; der
Vergleichspunkt war zunächst, dass Liturgie wie
das Spiel ihre eigene Regeln hat, ihre eigene
Welt errichtet, die gilt, indem man in sie
eintritt, und die dann freilich auch wieder
aufgelöst wird, wenn das "Spiel" zu
Ende ist. Ein weiterer Vergleichspunkt war, dass
das Spiel zwar sinnvoll, aber zugleich zweckfrei
sei und gerade so etwas Heilendes, ja Befreiendes
an sich habe, weil es uns aus der Welt der
alltäglichen Zwecke und ihrer Zwänge
herausführe ins Absichtslose hinein, uns also
für einige Zeit freistelle von all dem Lastenden
unserer Arbeitswelt. Das Spiel wäre sozusagen
eine andere Welt, eine Oase der Freiheit, in der
wir einen Augenblick das Dasein frei strömen
lassen können; solche Augenblicke des
Herausgehens aus der Macht des Alltags bräuchten
wir, um seine Last tragen zu können. An alledem
ist etwas Wahres, aber genügen kann eine solche
Auskunft nicht. Denn dann käme es im Grunde gar
nicht darauf an, was wir da spielen;
alles Gesagte lässt sich auf beliebige Spiele
übertragen, deren notwendiger innerer Ernst der
Bindung an die Regeln sehr bald seine eigene Last
entwickelt und auch zu neuen Verzweckungen
führt: Ob wir an die heutige Sportwelt denken,
an Schachmeisterschaften, oder an welche Spiele
auch immer - überall zeigt sich, dass das Spiel
schnell aus dem ganz Anderen einer Gegenwelt oder
Nichtwelt zu einem Stück Welt mit eigenen
Gesetzen wird, wenn es sich nicht in bloßer,
leerer Spielerei verlieren soll.
Noch ein Aspekt dieser Spieltheorie ist zu
erwähnen, der uns schon näher an das besondere
Wesen der Liturgie heranführt: Das Spiel der
Kinder erscheint in vielem als eine Art
Antizipation des Lebens, als Einübung ins
spätere Leben, ohne dessen Last und Ernst in
sich zu tragen. So könnte Liturgie darauf
verweisen, dass wir vor dem eigentlichen Leben,
auf das wir zugehen möchten, eigentlich alle
Kinder blieben oder es jedenfalls bleiben
sollten; Liturgie wäre dann eine ganz andere Art
von Vorwegnahme, von Vor-Übung: Vorspiel des
künftigen, des ewigen Lebens, von dem Augustinus
sagt, dass es im Gegensatz zum jetzigen Leben
nicht mehr aus Bedürfnis und Notwendigkeit
gewoben ist, sondern ganz aus der Freiheit des
Schenkens und Gebens. Dann wäre Liturgie
Wiedererweckung des wahren Kindseins in uns, der
Offenheit auf das ausstehende Große, das mit dem
Erwachsenenleben wahrhaftig noch nicht erfüllt
ist; sie wäre gestaltete Form der Hoffnung, die
das künftige, das wirkliche Leben jetzt schon
vor-lebt, uns auf das richtige Leben - das der
Freiheit, der Gottunmittelbarkeit und der reinen
Offenheit füreinander - einübt. So würde sie
auch dem scheinbar wirklichen Leben des Alltags
die Vorzeichen der Freiheit einprägen, die
Zwänge aufreißen und den Himmel in die Erde
hereinscheinen lassen.
Eine solche Wendung der Spieltheorie hebt die
Liturgie wesentlich vom allgemeinen Spielen ab,
in dem wohl immer die Sehnsucht nach dem
wirklichen "Spiel", nach dem ganz
anderen einer Welt lebt, in der Ordnung und
Freiheit verschmolzen sind; sie lässt gegenüber
dem Vordergründigen und dann doch wieder
Zweckhaften oder aber menschlich ganz Leeren des
gewöhnlichen Spiels das Besondere und Andere des
"Spiels" der Weisheit hervortreten, von
dem die Bibel spricht und das man dann mit der
Liturgie in Verbindung setzen darf. Aber noch
fehlt uns eine inhaltliche Füllung dieses
Entwurfs, weil der Gedanke des künftigen Lebens
einstweilen erst wie ein vages Postulat
erschienen ist und der Blick auf Gott, ohne den
das "künftige Leben" nur Wüste wäre,
noch ganz unbestimmt blieb. So möchte ich einen
neuen Anlauf vorschlagen, diesmal aus dem
Konkreten biblischer Texte heraus.
In den Berichten über die Vorgeschichte des
Auszugs aus Ägypten wie über dessen Verlauf
selber erscheinen zwei unterschiedliche
Zielsetzungen für den Exodus. Die eine, uns
allen bewusst, ist das Erreichen des verheißenen
Landes, in dem Israel endlich auf eigenem Grund
und Boden, in gesicherten Grenzen als Volk mit
seiner eigenen Freiheit und Unabhängigkeit leben
soll. Daneben steht aber wiederholt eine andere
Zielangabe. Der ursprüngliche Befehl Gottes an
den Pharao lautet: "Gib mein Volk frei! Sie
sollen mir in der Wüste dienen!" (Ex 7,
16). Dieses Wort "Gib mein Volk frei, dass
sie mir dienen!" wird mit geringen Varianten
viermal, das heisst in allen Begegnungen zwischen
dem Pharao und Mose-Aaron, wiederholt (Ex 7, 26;
9, 1; 9, 13; 10, 3). Im Lauf der Verhandlungen
mit dem Pharao wird das Ziel weiter
konkretisiert. Der Pharao zeigt sich
kompromissbereit. Für ihn geht es in dem Streit
um die Kultfreiheit der Israeliten, die er
zunächst in der folgenden Form zugesteht:
"Geht und opfert eurem Gott hier im
Land!" (Ex 8, 21). Aber Mose besteht - dem
Befehl Gottes gemäß - darauf, dass zum Kult
Auszug nötig sei. Sein Ort sei die Wüste:
"Drei Tage weit wollen wir in die Wüste
hinausziehen und dort dem Herrn, unserem Gott,
ein Opferfest halten, wie er es von uns verlangt
hat?" (8, 23). Nach den folgenden Plagen
erweitert der Pharao sein Kompromissangebot. Er
gestattet nun, dass der Kult nach dem Willen der
Gottheit, also in der Wüste, sich vollzieht,
will aber nur die Männer hinausziehen lassen,
während die Frauen und Kinder sowie das Vieh zu
Hause in Ägypten bleiben sollten. Er setzt eine
geläufige Kultpraxis voraus, nach der nur die
Männer aktive Träger des Kultes waren. Mose
kann aber über die Art des Kultes nicht mit dem
fremden Machthaber verhandeln, den Kult nicht
unter die Form politischer Kompromisse stellen:
Die Weise des Kultes ist nicht eine Frage des
politisch Erreichbaren; er trägt sein Maß in
sich selbst, das heisst, er kann allein vom Maß
der Offenbarung, von Gott her geordnet werden.
Deshalb wird auch der dritte, sehr weit gehende
Kompromissvorschlag des Herrschers
zurückgewiesen, der nun anbietet, dass auch
Frauen und Kinder mitziehen dürfen. "Nur
euer Kleinvieh und Großvieh soll bleiben"
(10, 24). Dem hält Mose entgegen, dass alles
Vieh mitzunehmen sei, denn "wir wissen
nicht, womit wir dem Herrn dienen können, bevor
wir dort angekommen sind" (10, 26). In
alledem geht es nicht um das Land der
Verheißung; als einziges Ziel des Exodus
erscheint die Anbetung, die allein nach Gottes
Maß geschehen kann und daher den Spielregeln des
politischen Kompromisses entzogen ist.
Israel zeiht aus, nicht um ein Volk wie alle
anderen zu sein; es zieht aus, um Gott zu dienen.
Das Ziel des Auszugs ist der Gottesberg, der noch
unbekannte, das Gott-Dienen. Nun könnte man
einwenden, die Fixierung auf den Kult in den
Verhandlungen mit dem Pharao sei taktischer Natur
gewesen. Das wirkliche und letztlich einzige Ziel
des Auszuges sei nicht der Kult, sondern das Land
gewesen, das ja den eigentlichen Inhalt der
Abrahamsverheißung bildete. Ich glaube nicht,
dass man damit dem Ernst gerecht wird, der in den
Texten waltet. Im Grunde ist die Entgegensetzung
von Land und Kult sinnlos: Das Land wird gegeben,
damit eine Stätte der Verehrung des wahren
Gottes sei. Der bloße Landbesitz, die bloße
nationale Autonomie würde Israel auf ein Niveau
mit allen Völkern herunterstufen. Diese
Zielsetzung würde das Besondere der Erwählung
verkennen: Die ganze Geschichte der Richter- und
der Königsbücher, wiederaufgenommen und neu
ausgelegt in der Chronik, zeigt gerade dies, dass
das Land als solches und für sich genommen noch
ein unbestimmtes Gut bleibt, das zum wahren Gut,
zur wirklichen Gabe erfüllter Verheißung nur
wird, wenn dort Gott herrscht, wenn das Land
nicht irgendwie als ein autonomer Staar
existiert, sondern erst, wenn es der Raum des
Gehorsams ist, in dem Gottes Wille geschieht und
so die rechte Art menschlicher Existenz entsteht.
Der Blick auf den biblischen Text gestattet uns
aber noch eine genauere Bestimmung des
Verhältnisses der beiden Ziele des Auszugs. Das
wandernde Israel erfährt zwar noch nicht nach
drei Tagen (wie im Gespräch mit dem Pharao
angekündigt), welche Art von Opfer Gott will.
Wohl aber kommt es nach drei Monaten, "an
eben dem Tag, an dem es ausgezogen war, in die
Wüste Sinai ..." (Ex 19, 1). Am dritten Tag
ereignet sich dann der Abstieg Gottes auf die
Höhe des Berges (19, 16-20). Nun spricht Gott
zum Volk, gibt ihm in den heiligen zehn Worten
(20, 1-17) seinen Willen kund und schließt durch
Mose den Bund (Ex 24), der sich in einer
minutiös geregelten Form von Kult konkretisiert.
So ist das dem Pharao angegebene Ziel des
Wanderns in die Wüste eingelöst: Israel lernt,
Gott auf die ihm selbst gewollte Weise zu
verehren. Zu dieser Verehrung gehört der Kult,
die Liturgie im eigentlichen Sinn; zu ihr gehört
aber auch das Leben gemäß dem Willen Gottes,
das ein unverzichtbarer Teil der rechten Anbetung
ist. "Die Herrlichkeit Gottes ist der
lebende Mensch, das Leben des Menschen aber ist
es Gott zu sehen", sagt der heilige Irenäus
einmal (Adv. haer. IV 20, 7) und trifft damit
genau das, worum es in der Begegnung am Berg in
der Wüste ging: Letztlich ist das Leben des
Menschen selbst, der recht lebende Mensch die
wahre Anbetung Gottes, aber das Leben wird zu
wirklichem Leben nur, wenn es seine Form aus dem
Blick auf Gott hin empfängt. Der Kult ist dazu
da, diesen Blick zu vermitteln und so das Leben
zu geben, das Ehre wird für Gott.
Dreierlei ist für unsere Frage wichtig: Am Sinai
erhält das Volk nicht nur Kultanweisungen,
sondern eine umfassende Rechts- und
Lebensordnung. So erst wird es als Volk
konstituiert. Ein Volk ohne gemeinschaftliche
Ordnung des Rechts kann nicht leben. Es zerstört
sich in der Anarchie, die die Parodie auf die
Freiheit ist, ihre Aufhebung in der
Rechtlosigkeit eines jeden, die seine
Freiheitslosigkeit ist. In der Bundesordnung am
Sinai - das ist das Zweite - sind die drei
Aspekte Kult - Recht - Ethos unlöslich
miteinander verflochten: Das ist ihre Größe,
aber auch ihre Grenze, wie sich im Übergang von
Israel zur Kirche der Heiden zeigen wird, in der
diese Verflechtung aufgelöst werden sollte, um
vielfältigen Rechtsgestaltungen und politischen
Ordnungen Raum zu geben. Aber nach dieser
notwendigen Entflechtung, die in der Neuzeit
schließlich zur totalen Säkularisierung des
Rechts führte und den Blick auf Gott völlig aus
der Gestaltung des Rechts ausschließen wollte,
darf doch nicht vergessen werden, dass ein
wesentlicher innerer Zusammenhang der drei
Ordnungen tatsächlich besteht: Recht, das nicht
moralisch gegründet ist, wird zu Unrecht; Moral
und Recht, die nicht aus dem Blick auf Gott
kommen, degradieren den Menschen, weil sie ihn
seines höchsten Maßes und seiner höchsten
Möglichkeit berauben, ihm den Blick auf das
Unendliche und Ewige absprechen: Mit dieser
scheinbaren Befreiung wird er der Diktatur der
herrschenden Mehrheiten unterworden, zufälligen
menschlichen Maßen, die ihn letzlich
vergewaltigen müssen. So kommen wir zu einer
dritten Feststellung, die uns nun wieder auf
unseren Ausgangspunkt, auf die Frage nach dem
Wesen von Kult und Liturgie zurückführt: Eine
Ordnung der menschlichen Dinge, die Gott nicht
kennt, verkleinert den Menschen. Darum sind
letztlich auch Kult und Recht nicht gänzlich
voneinander zu trennen: Gott hat ein Recht auf
die Antwort des Menschen, auf den Menschen
selbst, und wo dieses Recht Gottes gänzlich
verschwindet, löst sich auch die menschliche
Rechtsordnung auf, weil ihr der Eckstein fehlt,
der das Ganze zusammenhält.
Was heisst das nun für unser Frage nach den zwei
Zielen des Exodus, bei der es letztlich um die
Frage nach dem Wesen von Liturgie geht? Nun, es
wird sichtbar, dass das, was am Sinai, beim
Verweilen nach der Wanderung durch die Wüste
geschah, konstitutiv ist für den Sinn der
Landnahme. Der Sinai ist nicht eine
Zwischenstation, sozusagen eine Rast auf dem Weg
zum Eigentlichen, sondern er gibt gleichsam das
innere Land, ohne welches das äußere unwohnlich
bliebe. Nur weil Israel durch den Bund und durch
das in ihm enthaltene Gottesrecht als Volk
konstituiert ist und die gemeinsame Form rechten
Lebens empfangen hat, kann das Land ihm wirklich
zur Gabe werden. Der Sinai bleibt im Land
präsent; in dem Maß, in dem seine Wirklichkeit
verloren wird, wird von innen her auch das Land
verloren, bis hin zur Verstoßung ins Exil. Immer
wenn Israel abfällt von der rechten
Gottesverehrung, sich von Gott weg den Götzen -
innerweltlichen Mächten und Werten - zuwendet,
verfällt auch die Freiheit. Es kann im eigenen
Land leben und doch wie in Ägypten sein. Der
bloße Besitz des eigenen Landes und Staates
gewährt Freiheit nicht, er kann zu ganz grober
Sklaverei werden; wenn aber der Rechtsverlust
total wird, endet er auch im Verlust des Landes.
Wie sehr das "Gottdienen", die Freiheit
der rechten Gottesverehrung, die dem Pharao
gegenüber als das einzige Auszugsziel erscheint,
tatsächlich das Eigentliche ist, worum es im
Exodus geht, kann man aus dem ganzen Pentateuch
sehen: Dieser eigentliche "Kanon im
Kanon", das Herzstück der Bibel Israels,
spielt als Ganzer außerhalb des heiligen Landes.
Er endet am Rande der Wüste, "jenseits des
Jordan", wo Mose noch einmal die Botschaft
vom Sinai wiederholt. So wird sichtbar, was die
Grundlage jeden Seins im Land, die Bedingung für
das Lebenkönnen in Gemeinschaft und in Freiheit
ist: das Stehen im Gottesrecht, das die
menschlichen Dinge richtig ordnet, indem es sie
von Gott her und auf Gott hin gestaltet.
Was bedeutet das - noch einmal gefragt - für
unser Problem? Zunächst einmal wird sichtbar,
dass der "Kult", in seiner seiner
wahren Weite und Tiefe verstanden, über die
liturgische Aktion hinausreicht. Er umfasst
letztlich die Ordnung des ganzen menschlichen
Lebens im Sinn des Irenäuswortes: Der Mensch
wird Verherrlichung für Gott, setzt ihn
sozusagen ins Licht (und das ist Kult), wenn er
vom Hinschauen auf ihn lebt. Umgekehrt gilt, dass
Recht und Ethos nicht zusammenhalten, wenn sie
nicht in der liturgischen Mitte verankert sind
und von ihr inspiriert werden. Was für eine Art
von Wirklichkeit also finden wir in der Liturgie?
Wir können nun als erstes sagen: Wer aus dem
Begriff von Wirklichkeit Gott beiseite lässt,
ist nur scheinbar ein Realist. Er abstrahiert von
dem, worin wir "leben, uns bewegen und
sind" (Apg 17, 28). Das bedeutet: Nur wenn
das Verhältnis zu Gott recht ist, können auch
alle übrigen Verhältnisse des Menschen - die
Beziehungen der Menschen untereinander und der
Umgang mit der übrigen Schöpfung - im Lot sein.
Recht, so sahen wir schon, ist konstitutiv für
Freiheit und Gemeinschaft; Anbetung, das heisst
die richtige Weise des Verhaltens zu Gott, ist
ihrerseits konstitutiv für das Recht. Wir
können nun diese Einsicht noch ausweiten durch
einen weiteren Schritt: Anbetung, die richtige
Weise des Kultes, die Gottesbeziehung, ist
konstitutiv für die rechte menschliche Existenz
in der Welt; sie ist es gerade dadurch, dass sie
über das Leben im Alltag hinausreicht, indem sie
uns an der Existenzweise des "Himmels",
der Welt Gottes, beteiligt und damit das Licht
der göttlichen Welt in die unsrige fallen
lässt. In diesem Sinn hat der Kult in der Tat -
wie wir bei der Analyse des "Spiels"
sagten - den Charakter einer Antizipation. Er
greift voraus auf ein endgültiges Leben und gibt
gerade so dem gegenwärtigen Leben sein Maß. Ein
Leben, in dem diese Antizipation ausfiele, in dem
der Himmel nicht mehr aufgerissen würde, würde
bleiern und leer. Deswegen gibt es ganz kultlose
Gesellschaften gar nicht. Gerade auch die
dezidiert atheistischen, materialistischen
Systeme haben neue Kultformen geschaffen, die
freilich nur Blendwerk sein können und in ihrem
bombastischen Auftrumpfen ihre Nichtigkeit
vergeblich zu verbergen suchen.
Damit kommen wir zu einer letzten Überlegung.
Der Mensch kann den Kult gar nicht selber einfach
"machen"; er greift ins Leere, wenn
Gott sich nicht zeigt. Wenn Mose zum Pharao sagt:
"Wir wissen noch nicht, womit wir dem Herrn
dienen können" (Ex 10, 26), so kommt in
diesem Wort tatsächlich ein Grundgesetz aller
Liturgie zum Vorschein. Wenn Gott sich nicht
zeigt, dann kann der Mensch gewiss aufgrund der
Ahnung von Gott, die ihm inwendig eingeschrieben
ist, Altäre "für den unbekannten
Gott" bauen (vgl. Apg 17, 23); er kann sich
im Denken ausstrecken nach ihm, sich zu ihm
vorzutasten versuchen. Aber die wirkliche
Liturgie setzt voraus, dass Gott antwortet und
zeigt, wie wir ihn verehren können. Zu ihr
gehört in irgendeiner Form so etwas wie
"Einsetzung". Sie kann nicht unserer
Phantasier, unserer eigenen Kreativität
entspringen - dann bliebe sie ein Ruf ins Dunkle
oder würde bloße Selbstbetätigung. Sie setzt
das konkrete Gegenüber voraus, das sich uns
zeigt und damit unserer Existenz die Richtung
weist.
Für diese Unbeliebigkeit des Kultes gibt es im
Alten Testament eine Reihe sehr eindringlicher
Zeugnisse. Nirgends erscheint der Sachverhalt so
dramatisch wie in der Geschichte vom goldenen
Kalb (oder besser: Jungstier). Dieser vom
Hohenpriester Aaron geleitete Kult sollte
keineswegs einem heidnischen Götzen dienen. Die
Apostasie ist subtiler. Sie geht nicht offen von
Gott zum Götzen über, sondern bleibt scheinbar
durchaus bei demselben Gott: Man will den Gott
verherrlichen, der Israel aus Ägypten geführt
hat, und glaubt, in der Gestalt des Jungstiers
seine geheimnisvolle Kraft richtig abzubilden.
Scheinbar ist alles in Ordnung, vermutlich auch
das Ritual durchaus den Vorschriften gemäß. Und
doch ist es ein Abfall von Gott zum
Götzendienst. Zweierlei bewirkt diesen
äußerlichen zunächst kaum wahrnehmbaren Sturz.
Zum einen der Verstoß gegen das Bildverbot: Man
hält es bei dem unsichtbaren, dem fernen und
geheimnisvollen Gott nicht aus. Man holt ihn zu
sich herab, ins Eigene, ins Anschauliche und
Verständliche. So ist Kult nicht mehr ein
Hinaussteigen zu ihm, sondern ein Herunterziehen
Gottes ins Eigene: Er muss da sein, wenn er
gebraucht wird, und muss so sein, wie er
gebraucht wird. Der Mensch gebraucht Gott und
stellt sich so, auch wenn das äußerlich nicht
erkennbar ist, in Wirklichkeit über ihn. Damit
ist das Zweite schon angedeutet: Es ist Kult aus
eigener Vollmacht. Wenn Mose zu lange wegbleibt
und damit Gott selbst unzugänglich wird, dann
holt man ihn eben herbei. Dieser Kult wird so zum
Fest, das die Gemeinde sich selber gibt; sie
bestätigt darin sich selbst. Aus Anbetung Gottes
wird ein Kreisen um sich selber: Essen, Trinken,
Vergnügen. Der Tanz um das goldene Kalb ist das
Bild dieses sich selbst suchenden Kultes, der zu
einer Art von banaler Selbstbefriedigung wird.
Die Geschichte vom goldenen Kalb ist eine Warnung
vor einem eigenmächtigen und selbstsüchtigen
Kult, in dem es letztlich nicht mehr um Gott,
sondern darum geht, sich aus Eigenem eine kleine
alternative Welt zu geben. Dann wird Liturgie
allerdings wirklich zu leerer Spielerei. Oder
schlimmer: zu einem Abfall vom lebendigen Gott,
der sich unter einer sakralen Decke tarnt. Aber
dann bleibt am Ende auch die Frustration, das
Gefühl der Leere. Jene Erfahrung der Befreiung
stellt sich nicht mehr ein, die überall da
Ereignis wird, wo wahre Begegnung mit dem
lebendigen Gott geschieht.
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Westfalen-Blatt

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Papst
Benedikt XVI. /Joseph Ratzinger
Was feiern
wir am Sonntag?
in:
Internationale katholische Zeitschrift Communio,
11. Jahrgang (1982). Einsiedeln/Freiburg 1982
Es war ungefähr im
Jahre 110 nach Christi Geburt. Ignatius, Bischof
von Antiochien, wurde zu Schiff von Syrien nach
Rom gebracht, um dort den wilden Tieren
vorgeworfen zu werden. Mit gefesselten Händen
schrieb er auf dieser Fahrt sieben Briefe an die
christlichen Gemeinden, die im Bereich seiner
Reiseroute lagen. In einem dieser Briefe steht
der Satz: "Wir feiern nicht mehr den Sabbat,
sondern leben unter Beobachtung des Herrentages
(des Sonntags), an dem auch unser Leben
aufgegangen ist ..." (Magn. 9, 1). Die
Christen werden hier förmlich als die Menschen
beschrieben, die vom Sonntag her leben. Das
Halten des Sonntags bestimmt ihren
Lebensrhythmus, prägt ihre innere Lebensform. Am
Sonntag ist ihr Leben aufgegangen; der Sonntag
ist für sie sozusagen die Stelle im Gewebe der
Zeit, an der man an das Leben selbst herankommt,
einmal erfährt, was wirklich Leben heißt. Diese
Erfahrung vom eigentlichen Leben trägt dann auch
die Woche hindurch. Sie bleibt sozusagen der
Grundton, der sich im Lärm der Woche durchhält
und dessen Echo immer neu den Weg in die
Lichtung, ins Helle finden lässt.
Die Christen sind die Menschen des Sonntags, sagt
Ignatius. Was bedeutet das? Bevor wir uns fragen,
wie man es macht, "den Sonntag zu
beobachten", müssen wir überlegen, was wir
Christen eigentlich am Sonntag feiern. Der
eigentliche und erste Grund für die
Sonntagsfeier besteht darin, dass an diesem Tag
Christus von den Toten auferstanden ist. Damit
hat er eine neue Zeit begonnen: Erstmals ist
jemand von den Toten zurückgekehrt und stirbt
nicht mehr. Erstmals hat jemand den Kerker der
Zeit durchbrochen, der uns alle gefangen hält.
Aber Jesus ist nicht in die Ewigkeit entflohen.
Er hat die Zeit nicht einfach wie ein abgelegtes
Gewand hinter sich gelassen, sondern er bleibt
bei uns. Er ist zurückgekommen und geht nicht
mehr fort. Die Feier des Sonntags ist demnach vor
allem ein Bekenntnis, dass Jesus lebt. Sie ist
damit auch ein Bekenntnis, dass Gott lebt und dem
Menschen Leben gibt über den Tod hinaus. Sie ist
ein Bekenntnis, dass wir etwas zu hoffen haben.
Sie ist ein Bekenntnis, dass die Liebe bleibt,
und darum ein Bekenntnis, dass es gut ist, zu
leben.
Sehr früh haben sich die Christen gefragt: Warum
hat der Herr gerade diesen Tag gewählt? Was
wollte er damit sagen? Nach jüdischer Zählung
war der Sonntag der erste Tag der Woche. Es war
als der Tag der Weltschöpfung. Es war der Tag,
an dem Gott aus seiner Ruhe herausgetreten war
und gesprochen hat: "Es werde Licht!"
(Gen 1, 3) Die Auferstehung Jesu Christi bedeutet
nicht etwa die Rücknahme der Schöpfung, sondern
ihre endgültige Bestätigung. Denn Auferstehung
heißt ja, dass die materielle Welt nie mehr
untergehen wird. Sie ist in der Auferstehung
Christi ins Geheimnis Gottes selbst
hineingekommen. Auferstehung ist die endgültige
Bestätigung des Wortes, mit dem die
Schöpfungsgeschichte des Alten Testamentes
schließt: "Gott sah alles, was er gemacht
hatte, und fürwahr, es war sehr gut" (Gen
1, 31). Auferstehung bedeutet, dass Gott
endgültig sein "gut" zur Schöpfung
sagt. Er sagt es, indem er sie in sich selbst
aufnimmt und sie damit über alle
Vergänglichkeit hinaus ins Bleibende verwandelt.
Der Sonntag ist der erste Tag der Woche,
derSchöpfungstag, das bedeutet also: Der Sonntag
ist auch der Tag des Dankes für die Schöpfung.
Das hat gerade in unserer technischen Welt eine
besondere Bedeutung gewonnen. Die Schöpfung ist
uns übergeben von Gott als unser Lebensraum, als
Raum unserer Arbeit und unserer Muße, in dem wir
das Lebensnotwendige und das Überflüssige
finden, die Schönheit der Bilder und der
Klänge, die der Menschh genauso braucht wie
Nahrung und Kleidung. "Macht euch die Erde
untertan", hat Gott zum Menschen gesagt (Gen
1, 28). Das bedeutet aber nicht: Beutet sie aus!
Vergewaltigt sie! Sondern es bedeutet: Pflegt
sie! Drückt ihr das Antlitz des Geistes auf!
Entfaltet, was in ihr ist! So wird sie euch
dienen und ihre Bestimmung erfüllen. Das Wort
"Kultur" kommt aus der gleichen Wurzel
wie das Wort Kult. Es schließt sowohl die
Gesinnung des Pflegens wie die des Verehrens, der
Ehrfurcht mit ein. Es bedeutet, die Dinge so zu
pflegen, dass wir darin Gottes Schöpfung ehren
und so Gott selbst verehren.
Jeder Sonntag ist demgemäß ein Fest der
Schöpfung. Er ist immer auch ein Bekenntnis zum
ersten Glaubensartikel: Ich glaube an Gott, den
Schöpfer des Himmels und der Erde. Er will uns
daran erinnern, dass wir vor unserem Tun schon
beschenkt sind mit der Gabe der Schöpfung. Er
will uns die Gesinnung der Dankbarkeit und der
Ehrfurcht wecken. Vom Sonntag her leben bedeutet
also auch, von diesen Gesinnungen und von dieser
Grundorientierung her die Arbeit in der Welt
einrichten. Das bedeutet die Bereitschaft zum
Maßhalten im Benützen der Schöpfung: Wir
dürfen sie gebrauchen, aber nicht verbrauchen.
Es nützt nichts, wenn wir plötzlich an
irgendeiner Stelle gegen neue Unternehmungen zu
protestieren beginnen. Das bleibt unlogisch und
unsinnig, wenn wir nicht vom Verbrauchen zum
Gebrauchen, vom Ausnützen zum Pflegen umkehren.
Sonntäglich leben heißt unterwegs sein zu
dieser Gesinnung; es bedeutet wirklich einen
ganzen Lebensstil, den wir gerade als Christen in
dieser Zeit mit neuer Entschiedenheit suchen
müssen ...
Wir hatten bisher gesagt: Der Sonntag ist der
Auferstehungstag Jesu Christi. Er ist als der
erste Tag der Schöpfungstag. Von einer anderen
Sicht her konnte man auch sagen: Er ist nach dem
siebten Tag, dem Sabbat, der achte Tag. Er ist
der Tag, der nach der Weltwoche der
Schöpfungszeit liegt; der Tag, der über unsere
Zeit hinausweist auf die neue Welt. Die Zahl 8
ist den Christen zum Symbol für die kommende
Welt geworden. Sie haben zum Beispiel die
Taufkirchen in der Form des Achtecks gebaut, um
anzudeuten, dassdarin die Geburt für die neue
Welt erfolgt, die mit der Auferstehung Christi
begonnen hat. So feiern wir mit dem Sonntag auch
unseren Glauben an die Wiederkunft des Herrn. Er
ist nicht nur ein Tag des Dankes und der
Rückschau, sondern vor allenm auch ein Tag der
Hoffnung - Aufbruch in die Zukunft hinein. In der
Eucharistiefeier beginnt für uns schon immer die
Wiederkunft Christi: Der Herr tritt zu uns herein
durch die verschlossenen Türen unserer Angst wie
damals am Ostermorgen zu den Jüngern (Joh 20,
19). Christentum ist nicht eine Religion der
Vergangenheit, sondern als Christen haben wir das
Entscheidende noch vor uns.
Der Herr kommt, und wir gehen ihm entgegen. Wir
haben etwas zu hoffen: das Reich Christi, das
Reich Gottes. Wir können vertrauend der Zukunft
entgegensehen; sie wird größer sein als die
Vergangenheit. Aber wir können nur dann
vertrauen, wenn wir mit Christus gehen. Und wir
bauen nur dann wirklich auf, wenn wir mit ihm
bauen. Christsein bedeutet so zu leben, dass wir
auf dem Weg zu Christus sind. Nur so gehen wir
wirklich vorwärts.
Während die Christen für die übrigen Tage der
Woche keinen Namen erfanden, sondern sie einfach
der Reihe nach durchgezählt haben, haben sie
diesem Tag einen neuen Namen gegeben: Herrentag.
So heißt er heute noch in den romanischen und
slawischen Sprachen. In den germanischen Sprachen
hat man die alte Bezeichnung - Tag der Sonne -
gelassen, weil Christus die aufgehende Sonne ist.
Ihn sahen die Christen hinter dem Schöpfungswort
"Es werde Licht"; ihn erwarteten sie
als das endgültige Licht, das aus der Nacht des
Todes aufgeht zu einem Tag, der keinen Abend mehr
kennt, weil die wahre Sonne - die Liebe - nie
mehr untergeht.
Wie feiern wir den Sonntag?
Zunächst ist aus dem Bisherigen wohl klar
geworden, dass der Sonntag nicht ein beliebiger
freier Tag ist, den man nach eigenem Ermessen in
der Woche herumschieben kann. Als Tag der
Auferstehung Jesu Christi, als der erste und
zugleich achte Tag, der auch den Sabbat und so
die Einheit von Schöpfung und Bund in sich
aufgenommen hat, ist er uns vorgegeben: ein
Zeichen des Schöpfers und des Erlösers, des
Dankes und der Hoffnung im Rhythmus unserer Zeit,
das wir nicht erfunden haben, sondern empfangen
als Vorgabe für unseren Umgang mit der Zeit. Als
Tga der Teilnahme an Gottes Ruhe und als Tag der
Ankunft des Auferstandenen, der seine ins Private
geflüchteten Jünger zusammenholt, um mit ihnen
Brot zu brechen, ist dies der Tag des
Gottesdienstes, den wiederum nicht wir erdacht
haben: Der erste Tag ist gleichsam das Fenster,
das der Herr durch seine Auferstehung in die
Mauer der Zeit hineingebrochen hat. Er ist im
Rhythmus der Zeit Stunde seiner Wiederkunft, und
dieses Ankommen Christi bei uns bedeutet:
eins-sein im Brotbrechen, in dem er wahrhaft zu
uns hereintritt, wahrhaft gegenwärtig wir mit
uns und in uns.
Deswegen ist das Sonntagsgebot nicht eine
willkürliche Erfindung der Kirche. Das Gebot
drückt nur in rechtlicher Form aus, was als
Tatsache für die Kirche von den Aposteln her in
ihrem Antwortgeben auf das Geschehen des ersten
Tages von Anfang an gegenwärtig gewesen ist. So
berichtet uns die Apostelgeschichte, dass Paulus
in Troas am Sonntag die Eucharistie feierte (20,
6-11); die sonntägliche Eucharistiefeier wird
hier schon als feste Übung der Christenheit
vorausgesetzt.
Aus dem 1. Korintherbrief des heiligen Paulus
wissen wir, dass der Sonntag der Tag der Kollekte
für die Kirche von Jerusalem war (1 Kor 16, 1
f.); so wird auch schon der Zusammenhang von
Gottesdienst und Caritas, Freisein für Gott und
Freiwerden für den Menschen sichtbar. Johannes
datiert in der Geheimen Offenbarung seine erste
Vision ausdrücklich auf den Tag des Herren (Apk
1, 10): Auf dieser Weise beteiligt der Herr
gleichsam den Verbannten, der der eucharistischen
Gemeinschaft der Kirche beraubt ist, am
gemeinsamen Gottesdienst, an seiner österlichen
Anwesenheit. Die so genannte Lehre der Apostel,
ein etwa zwischen 90 und 100 entstandenes Buch,
sagt aus einer längst selbstverständlich
gewordenen Tradition heraus: "Am Herrentag
des Herrn aber versammelt euch, brecht das Brot
und sagt Dank, nachdem ihr zuvor eure Sünden
bekannt habt, damit euer Opfer rein sei"
(Did 14, 1). Halten wir also fest: Es steht nicht
im Belieben der Kirche oder des einzelnen
Christen, ob und wann wir Gottesdienst feiern
wollen und was wir mit dem Sonntag machen. Der
Sonntag ist die Antwort der Kirche auf das, was
der Herr getan hat und tut: Er hat diesen Tag zu
seinem Tag und zu unserem Tag, zum Tag der
gemeinsamen Versammlung mit ihm im Gottesdienst
der Kirche gemacht.
Damit sind auch schon einige weitere Fragen
beantwortet. Es könnte einer sagen: Ich mag die
schlechte Luft in den Kirchenräumen und die
müden Gesänge nicht. Mich stört es, eingeengt
zwischen allerhand Leuten zu knien, die ich nicht
kenne und einen Pfarrer Gebete vortragen zu
hören, die mir unverständlich sind. Ich gehe
lieber auf die Berge, in den Wald, ans Wasser und
bin frömmer in Gottes freier Natur als in einer
Versammlung, die mir nichts bringt. Darauf ist zu
sagen: Es kann nicht so sein, dass wir uns
heraussuchen, ob und wie wir Gott verehren
wollen; es kommt darauf an, dass wir ihm dort
antworten, wo er sich uns gibt. Wir können nicht
aus Eigenem festsetzen, wo Gott uns begegnen
muss, und wir können nicht von uns aus bis zu
ihm hinlangen wollen. Er kann zu uns gehen und
sich finden lassen, wo er es will. Deswegen
müssen wir ihm dort antworten, wo er uns im
Voraus geantwortet hat, und nicht dort, wo wir
ihn gerne haben möchten. Eucharistie feiern
bedeutet, dass wir in die schon gegebene Antwort
Gottes hineintreten und in ihr selbst Antwortende
werden. Nicht irgendein frommes Gefühl zählt,
das Religion ins Unverbindliche und Private
abdrängt, sondern der Gehorsam, der seinen Ruf
annimmt. Der Herr will nicht unsere privaten
Gefühle, sondern er will uns zur Gemeinschaft
versammeln und vom Glauben her die neue
Gemeinschaft der Kirche bauen. In den
Gottesdienst gehört der Leib und gehört die
Gemeinschaft hinein mit ihren Mühsalen und
Unbequemlichkeiten. Deshalb ist auch die
Fragestellung falsch: Was bringt mir das?
Im Gottesdienst können wir nicht einfach als
passive Empfänger sein, die sich mit schönen
Gefühlen berieseln lassen und am Ende den Ertrag
für das eigene psychische Wohlbefinden messen,
um daran den Wert des Gottesdienstes zu taxieren.
Im Gottesdienst geht es nicht darum, dass
"es" etwas bringt, sondern dass wir uns
bringen, in den Gehorsam des Glaubens und der
Kirche hinein. Das wird nicht sofort im messbaren
psychischen Gewinn greifbar, es kann zunächst
eher mühsam sein. Aber wer sich immer wieder
durch den Gottesdienst fordern lässt, wer die
Mühsal des gemeinschaftlichen Betens mit den
uralten Gebeten des Glaubens aufnimmt, wer
glaubend und betend in die Tiefe dieses
Gebetsstromes eindringt, der erfährt, wie er
allmählich über sich hinausgenommen wird; sein
Denken und sein ganzes Leben vertieft sich, es
wird gereinigt und frei. Es geht gar nicht mehr
um das eigene kleine Ich; wer Sonntag um Sonntag
die Eucharistie der Kirche feiert, nimmt an der
Größe und Weite des welt- und zeitumspannenden
Betens der Kirche teil und darin an der Weite
Jesu Christi selbst, der in der Eucharistie seine
Verheißung erfüllt: "Wenn ich erhöht bin
von der Erde, werde ich alle an mich ziehen"
(Joh 12, 32). Deswegen geht es auch nicht an, die
Eucharistie zum Objekt beliebiger Gestaltung zu
machen, in denen das Große auf unseren Maßstab
heruntergeschraubt wird: Nicht die Eucharistie
müssen wir auf unser Maß bringen, sondern uns
müssen wir auf ihr Maß, das Maß Jesu Christi
bringen lassen.
Damit sind auch schon ein paar weitere Fragen
beantwortet, die sich in diesem Zusammenhang
aufdrängen. Die Kirche hat nicht das Recht, die
sonntägliche Eucharistiefeier durch andere
Gottesdienste zu ersetzen. Dies kann nur in
wirklichen Notfällen geschehen. Wenn der Notfall
gegeben ist, muss im Einzelnen sorgfätig
abgewogen werden. Ein Priester kann nach alter
kirchlicher Ordnung an einem Tag nicht mehr als
dreimal die Eucharistie feiern - das ist ein
Maßstab. Die Zumutbarkeit des Weges zu einer
Kirche mit Eucharistiefeier für die Gläubigen
ist der andere Maßstab, bei dem die Gemeinden
und die einzelnen Christen zusammen mit ihrem
Pfarrer sich sorgfältig prüfen müssen. Die
jetzige Situation, in der nicht an allen alten
Gottesdienstorten jeden Sonntag Eucharistie
gefeiert werden kann, muss ein Anlass sein,
gegenseitig die geistliche Gastfreundschaft zu
erlernen: Kein Ort darf sich in sich selbst
verschließen und nur in die eigene Kirche gehen
wollen. Katholisch ist es, gerade am Sonntag
zueinander zu gehen, die Grenzen festgefügter
Gemeinschaften zu überschreiten, einander
aufzunehmen und anzunehmen; gerade solche
Gastlichkeit, die Freundschaft wird und zu einem
größeren Miteinander führt, gehört zum Wesen
der Eucharistie. In diesem Sinn könnte die
gegenwärtige Notsituation auch eine Chance sein,
im tiefsten Sinn des Wortes
"katholisch" zu werden, nämlich
offener füreinander, einfallsreicher im
gegenseitigen Dienen: Alte und Kranke
mitzunehmen, nicht nur, sich zwischen Gemeinden
auszutauschen, sondern auch innerhalb davon sich
gegenseitig umeinander zu kümmern, um gemeinsam
zur Kirche zu kommen. Hier öffnet sich ein
großes Betätigungsfeld für eine lebendige
Weise, miteinander Kirche zu sein.
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Das Konzil
von Trient
Lehre über
das Heilige Messopfer
Sessio
XXII.
Das Konzil von
Trient lehrt:
Die
Unzulänglichkeit des levitischen Priestertums
war die Ursache, dass im Alten Bund nichts zur
Vollkommenheit gelangen konnte. Nach dem
Ratschluss Gottes, des Vaters der Barmherzigkeit,
sollte ein anderer Priester auftreten, ein
Priester nach der Ordnung des Melchisedech (Hbr
7, 11), unser Herr Jesus Christus, der fähig
wäre, alle zu vollenden, d.h. alle zur
Heiligkeit Berufenen (quotquot sanctificandi
essent) zur Vollkommenheit zu führen.
Nur ein einziges Mal brachte Jesus Christus,
unser Gott und Herr, sich selbst seinem
himmlischen Vater auf dem Altar des Kreuzes dar
in einer Hinopferung, bei welcher der Tod
eintrat. Durch diesen Tod wurde unsere ewige
Erlösung bewirkt. Indessen sollte dadurch sein
Priesteramt nicht erlöschen (Hbr 7, 24). Er
hinterließ vielmehr beim letzten Abendmahl, vor
seinem Verrat, der Kirche, seiner geliebten
Braut, ein sichtbares Opfer wie es unsere
menschliche Natur verlangt: ein wirkliches, nicht
bildhaftes Opfer. Dieses Opfer sollte zugleich
die Darstellung seines blutigen Opfers sein, das
er ein für allemal kurz darauf am Kreuze
vollbrachte.
Er erklärte sich selbst für den "Priester
in Ewigkeit nach der Ordnung des
Melchisedech" (Ps 109, 4), opferte Gott,
seinem Vater, seinen Leib und sein Blut auf unter
den Gestalten von Brot und Wein, gab sein Fleisch
und Blut unter diesen Gestalten seinen Aposteln
zur Speise und zum Trank und setzte sie in diesem
Augenblick zu Priestern des Neuen Testamentes
ein.
Ihnen und ihren Nachfolgern im Priesteramt gab er
den Befehl, seinen Leib und sein Blut
darzubringen mit den Worten: "Tut dies zu
meinem Gedächtnis" (Lk 22, 19). In diesem
Sinn hat die katholische Kirche stets diese Worte
aufgefasst; stets hat sie so gelehrt.
Dieses reine Opfer kann durch die Sündhaftigkeit
und Bosheit der darbringenden Priester nicht
befelckt werden; denn der Herr ließ durch den
Propheten Malachias verkünden, "dass seinem
Namen, der groß ist unter den Völkern, an allen
Orten ein reines Opfer dargebracht würde"
(Mal 1, 11), das der heilige Paulus in seinem
Brief an die Korinther deutlich genug
kennzeichnet. Er schreibt: "Ihr, die ihr
euch durch Anteilnahme am Tisch der bösen
Geister befleckt habt, könnt nicht Anteil haben
am Tische des Herrn." (1 Kor 10, 21). In
beiden Fällen bezeichnet hier "Tisch"
soviel als "Altar". Dieses Opfer auf
dem Altar ist aber jenes ganz erhabene, das in
den Opfern des Naturgesetzes und des Mosaischen
Gesetzes seine schwachen Vorbilder hat (Gen 4, 4;
8, 20; 12, 8; 22, 2).Es enthält in der Tat alle
jene Güter, welche die früheren Opfer
andeuteten; es ist deren Erfüllung und
Vollendung.
In diesem göttlichen Opfer der heiligen Messe
ist derselbe Christus enthalten, wird derselbe
Christus geopfert, der sich im blutigen Opfertod
am Altare des Kreuzes einmal hingegeben hat.
Deshalb ist das Messopfer ein wirkliches
Versöhnungsopfer (nicht bloß ein Lob- und
Dankopfer) (Hbr 9, 28). Nähern wir uns daher
Gott mit aufrichtigem Herzen und rechtem Glauben
, mit Furcht und Ehrfurcht, reuig und bußfertig,
dann lässt es uns Barmherzigkeit finden und
gewährt uns Gnadenhilfe zur rechten Zeit. Der
Herr wird in der Tat durch dieses Opfer
besänftigt und erteilt reichlich die Gnade und
Gabe der Bußfertigkeit. Er verzeiht die Vergehen
und Sünden, selbst wenn sie unendlich groß
gewesen wären.
Das Opfer (am Kreuze und auf dem Altar) ist
tatsächlich nur ein und daselbe. Derjenige, der
sich heute durch den Dienst der Priester opfert,
ist der nämliche, welcher sich einst am Kreuze
geopfert hat; nur einen Unterschied gibt es: er
besteht in der Art der Darbringung. Wir empfangen
in wunderbarer Fülle die Früchte dieser
blutigen Hinopferung in der heiligen Messe.
Nach der von den posteln erhaltenen
Überlieferung wird das Opfer nicht nur
dargebracht für die Sünden, Strafen,
Genugtuungen und sonstigen Bedürfnisse der
lebenden Gläubigen, sondern auch für die,
welche in Christus entschlafen und noch nicht
vollkommen gereinigt sind.
Die Kirche wünscht, dass die Gläubigen in der
Messe, der sie beiwohnen, die heilige Kommunion
nicht nur geistig empfangen, sondern
sakramentalerweise kommunizieren, damit ihnen die
Frucht dieses hochheiligen Opfers in noch
reichlicherer Fülle zufließe.
Das heilige Messopfer werde mit all der
Hochschätzung und Verehrung dargebracht, welche
die Tugend der Gottesverehrung einflößen kann.
Welch große Sorgfalt bei der Messfeier
aufgewendet werden soll, lässt sich leicht
erkennen aus dem Wort der Heiligen Schrift:
"Verflucht sei jeder, der das Werk Gottes
nachlässig verrichtet." (Jer 48, 19). Wir
müssen anerkennen, dass die heilige Messe die
heiligste Handlung ist, die Christgläubige
vornehmen können, und dass es kein göttlicheres
und ehrfurchtgebietenderes Geheimnis gibt, wie
jenes, in dem das lebendigmachende Opferlamm
täglich von den Priestern auf den Altären
geopfert wird, durch das wir mit Gott, dem Vater,
versöhnt worden sind.
Daraus geht zur Genüge hervor, dass jegliche Art
von Sorgfalt und Fleiß aufgewendet werden muss,
damit die heilige Messe in möglichst lauterer
Gesinnung und innerer Herzensreinheit, wie auch
in den äußerlich sichtbaren Zeichen von Andacht
und Frömmigkeit gefeiert werde.
Die menschliche Natur ist so beschaffen, dass sie
sich ohne die Mithilfe der sinnenfälligen Dinge
nur sehr schwer zur Betrachtung des Göttlichen
erheben kann. Deshalb hat unsere gütige Mutter,
die Kirche, Riten bei der Messfeier angeordnet.
Gewisse Vorschriften bestimmen, dass manches
leise, anderes wieder laut gebetet werde. Von den
Aposteln und der Überlieferung belehrt, hat sie
Zeremonien, geheimnisvolle Segnungen, Lichter,
Rauchwerk, Paramente udn viele ähnliche Dinge
eingeführt, die dazu bestimmt sind, die
Erhabenheit eines so großen Opfers in steter
Erinnerung zu erhalten. "Gerade durch diese
sichtbaren Zeichen der Gottesfurcht und
Frömmigkeit wird der Geist der Gläubigen
besonders angetrieben, sich zur Betrachtung der
übersinnlichen Dinge zu erheben, die in diesem
Opfer verborgen liegen. " (Der heilige
Vinzenz Ferrier konnte sagen: "Missa est
altius opus contemplationis quod possit esse. -
Die Messe ist der höchste Gegenstand der
Betrachtung, den es geben kann.")
(entnommen:
Dom Eugen Vandeur: "Das Heilige Messopfer -
Führer zur Heiligkeit - Geisteserhebungen",
Regensburg 1930)
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neue
bildpost 2008

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Neue
Westfälische/Lokalteil vom 13. August 2008

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Wolfgang
Kühnhold
Paderborner
Wallfahrt zur Helferin vom Berge
Marienwallfahrt
am 4. Mai 2008 nach Kleinenberg
Die Feier der Messe
im außerordentlichen Ritus erschien für viele
in Paderborn in weite Ferne gerückt. Wer diese
Form erleben und praktizieren wollte, war auf
sonntägliche Ausflüge etwa nach Gelsenkirchen
oder Münster angewiesen.
Nun hat unser
Erzbischof entschieden: An jedem Mittwoch in der
Krypta des Hohen Domes - und das ist absolut
einmalig: der außerordentliche Ritus in der
Bischofskirche! - und an jedem Sonn- und Feiertag
in der Gaukirche wird die heilige Messe in diesem
Ritus gefeiert, außer ... ja und da lag der
Punkt! ... außer an Prozessionstagen oder bei
anderer Verwendung des Gotteshauses.
Dieser Fall trat
dann zum 4. Mai ein. Die Stadtpfarrei feierte an
diesem Tag die Rückkehr der Gebeine des Heiligen
Liborius nach den Wirren des Dreißigjährigen
Krieges mit einer Prozession. So fiel die
gewohnte Messe aus - beinahe! Denn Not macht
bekanntlich erfinderisch. Der Vorschlag, an
diesem Tag eine Marienwallfahrt nach Kleinenberg
zu machen, fand raschen Zuspruch.
Und so versammelte
sich ein kleines Häuflein tapferer Wanderer
früh um sieben Uhr in der Liborikapelle, um dort
mit dem Segen Gottes und der heiligen Jungfrau
nach Kleinenberg zu wallen. Prälat Dr. Schmitz
sprach die Gebete, bevor acht Gläubige, darunter
die ehrwürdige Schwester M. Josefa, die an
diesem Tag das goldene Jubiläum ihrer Profess
auf diese Weise feierte. In Hochstimmung ging es
zunächst mit dem Auto bis nach Grundsteinheim -
die Strecke von Paderborns Innenstadt aus wurde
diesmal ausgespart, weil der Aufbruch sonst
bereits zwischen 4 und 5 Uhr hätte erfolgen
müssen. Am Parkplatz im Tal des Ellerbaches
wurden die Autos abgestellt. "Procedamus in
pace" - "In nomine Christi. Amen."
Das Startsignal war gegeben. Voran das
Prozessionskreuz, das "Te Deum" auf den
Lippen führten die ersten Schritte durch die
Straßen des noch ganz verschlafenen Dorfes.
Lediglich ein kleines Kind erschien am Fenster,
wandte sich zur Mutter in die Stube und rief so
etwas wie "Mitgehen!" Vielleicht ja
beim nächsten Mal?
Bei herrlichem
Frühsommerwetter, abwechselnd den Rosenkranz
betend und Marienlieder singend, ging es durch
Feld und Flur in Richtung Lichtenau. Nach einer
kurzen Rast bei "Schlüters Kreuz"
erreichten die Wallfahrer die Stadtverwaltung
Lichtenau, wo bereits eine zweite Gruppe wartete,
darunter Bürgermeister Wange mit seiner Frau.
Nach einer kurzen Begrüßung, bei der Herr Wange
unser aller Wunsch aussprach, dass nämlich diese
Wallfahrt am Sonntag nach Christi Himmelfahrt zur
ständigen Einrichtung werden und die beiden
Städte Paderborn und Lichtenau im Zeichen der
Helferin vom Berge kulturell näher
zueinanderbringen möge, ging es wieder bergauf,
bis sich das schöne Sauertal auftat, durch das
wir nun in der zweiten Etappe in Richtung
Kleinenberg zogen. Die Beter, nun verstärkt
durch die Lichtenauer Gruppe mit ihrem
Bürgermeister, begannen mit dem glorreichen
Rosenkranz. Unsere jüngste Wallfahrerin, gerade
mal neun Jahre alt, betete ein Gesätz vor, das
die Mutter sie gelehrt hatte, wozu Schwester
Josefa ihr einen Rosenkranz schenkte, den Papst
Johannes Paul II. geweiht hatte. Weitere Gebete
und Wallfahrtsgesänge sorgten für eine
festliche Prozession in Richtung der Helferin vom
Berge. Natürlich gab es neben den Gebeten auch
Gelegenheiten zu Gesprächen und zum
Meinungsaustausch.

In großer
Harmonie, unter dem Schutzmantel der
Gottesmutter, trafen wir dann - wie vorgesehen -
pünktlich um 11 Uhr am Hohen Kreuz auf der Höhe
vor der Wallfahrtskapelle ein. Dort kam uns der
hochwürdige Vikar Markus Berief mit zwei
Ministranten entgegen, begrüßte uns und
erteilte den Segen. Mit einem "Procedamus in
pace - in nomine Christi. Amen" zogen wir
dann weiter, den Kreuzweg hinab bis zur Kapelle,
wo die Wallfahrer, die mit dem Bus und Autos
gekommen waren, bereits warteten.
In der Kapelle war
der barocke Altar festlich geschmückt, der
hochwürdige Herr Prälat Dr. Heribert Schmitz
verrichtete die Gebete beim Anlegen der
liturgischen Gewänder, Schola und Organist
übten noch und die Ministranten, darunter auch
ein Wallfahrer, der nun die schweren Schuhe und
die Wanderkluft wechseln musste, machten sich
bereit und legten die Kohlen ins Weihrauchfass.
Die gut gefüllte Kirche wartete auf die
Liturgie, die sie früher so oft erlebt hatte und
die nun, zum ersten Mal nach 40 Jahren, wieder
feierlich begangen werden konnte. Das Hochamt
begann dann wie geplant um 11.30 Uhr. Die Orgel
intonierte die Kleinenberger Wallfahrtsmesse, die
Schola sang die Ordinarien. Das große Mysterium
unseres Glaubens, das heilige Messopfer, bedarf
keines Kommentares. Aber der Eindruck, der immer
wieder zu beobachten ist, bestätigte sich auch
hier: Die Kapelle, für diesen Ritus gebaut,
schien nun neu zu leben; jede Kerze, jedes
Heiligenbild, das großartige Deckengemälde, der
Hochaltar mit seinem wunderschönen Schnitzwerk -
alles hatte seine Funktion, alles schien mit
einzustimmen in den Jubel zur Ehre des Höchsten
und seiner hochheiligen Mutter. Dazu erstrahlte
das Gnadenbild im Glanz der Sonne, die uns den
ganzen Tag über nicht verlassen sollte.

Nach der Heiligen
Messe war Gelegenheit zu einem Imbiss. Um 13.30
Uhr dann versammelten sich noch einmal alle
Wallfahrer zu einer Marienandacht mit Aussetzung
und feierlichem Schlusssegen, den Vikar Berief
spendete.
Über die Rückkehr
gibt es wenig zu berichten. Der Bus setzte die
Fußwallfahrer an den Ausgangspunkten ab und
brachte andere wieder nach Paderborn. Aber alle
waren noch voll des Eindrucks, den dieses
Wallfahrtsfest hinterlassen hat. Einhellih war
die Meinung, dass hier eine Tradition begründet
werden müsste. Im nächsten Jahr soll die
Wallfahrt wieder am Sonntag nach dem Fest
"Christi Himmelfahrt" stattfinden. Und
alle waren voll des Dankes. Dank dem Vikar
Berief, ohne dessen Einsatz das ganze Unternehmen
nicht möglich gewesen wäre, Dank unserem
Zelebranten H. H. Prälat Dr. Schmitz, Dank an
den Ortsheimatpfleger Heinz-Günther Borgmeier,
der vor Beginn der Messe eine kurze Einführung
in die Bau- und Kunstgeschichte der Kapelle
gegeben hatte, und Dank an die Organisatoren, die
von der Zeit- und Wegplanung bis zum Schmücken
des Altares diese alte Tradition haben lebendig
werden lassen.
Und für den
Berichterstatter - wie sicherlich für viele
andere, die an diesem Tag mit dabei waren -
schloss der Tag mit einem Dankgebet und einem
"Te Deum" zum abendlichen Stundengebet.
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Wolfgang Kühnhold
Sonntags
um 11 Uhr in der Gaukirche
Messe im klassischen Ritus
bereichert das liturgische Angebot auch in
Paderborn
Auf
Grund des päpstlichen Erlasses ‚Summorum
Pontificium’ im vergangenen Jahr ist nun
auch durch den Paderborner Erzbischof eine
liturgische Wiederbelebung des klassisch
römischen Ritus ermöglicht worden. Diese durch
das Konzil von Trient (1545 – 1563)
bestätigte Messe gehört zu den ältesten Riten
der katholischen Kirche und ist zeitlos, ja man
könnte sagen, überzeitlich. Die historischen
Kirchengebäuden eignen sich in
außerordentlicher Weise, denn sie sind gerade
aus diesem überzeitlichem Verständnis heraus
entstanden, geplant, gebaut und zu diesem Zweck
eingerichtet und geweiht.
Selbst
außenstehende Kritiker, wie der Soziologe Alfred
Lorenzer, müssen immer wieder feststellen: Die
Messe im Ritus dieser kirchlichen Tradition ist
von beeindruckender Erhabenheit. Auf
einzigartiger Weise spricht diese Liturgie die
Sinne an: Mit dem Auge schaut man die Kostbarkeit
der Ausstattung, die Vielfalt der Kerzen, den
Altarschmuck, die kostbaren Gewänder, die
Zeremonien in den rituellen Gesten des Priesters,
in seinen Kniebeugen, in den Handlungen und
Gängen der Ministranten... mit den Ohren hört
man die altbekannte katholische Kirchenmusik, den
gregorianischen Choral, die Gesänge im Wechsel
zwischen Priester, Chor und Gemeinde, das Spiel
der Orgel... alles das eine geheimnisvolle, aber
heilsame Mischung, die dem Menschen in der
Rastlosigkeit der Zeit ein Gefühl von Ruhe,
Heimat und Geborgenheit vermitteln kann. Aber
nicht nur das. Tiefer gehende Dimensionen dürfen
nicht unerwähnt bleiben. Denn gerade die Jugend
– und wohl nicht nur sie! - sucht heute nach
spirituellen Erlebnissen. Oft glaubt man diese in
fernöstlichen Meditationstechniken gefunden zu
haben; allein, diese können bei den meisten nur
vordergründig wirken und müssen letztlich
verschlossen bleiben, da sie unserem Kulturkreis
in ihren tiefsten Eigenheiten fremd sind. Im
Kultus der gregorianischen Messe dagegen können
sich die spirituellen Dimensionen für jeden
einzelnen in einem Maße erschließen, das sich
nicht von außen aufdrängt, sich nicht einer
erlernbaren Technik bedient, sondern das sich aus
dem Fassungsvermögen eines jeden einzelnen in
den verschiedensten Formen der Mitfeier ergibt:
Vom bloßen Zusehen bis zum aktiven Mitvollzug
der Gebete.
Dabei folgt dieser
Ritus einem inneren Gefüge, das sich in einer
Tradition über mehr als ein Jahrtausend
herausgebildet hat. Zwar hat es gerade im 20.
Jahrhundert Mißbrauch in der Ausführung gegeben
– ein Faktum, das letztlich mit dafür
verantwortlich war, daß diese Form nicht mehr
gewünscht wurde und beinahe verschwunden war. Es
gab und gibt aber gerade ältere Menschen, denen
dieser Ritus nach wie vor etwas bedeutet, die zur
neuen Form der Messe keine rechte Beziehung
gewinnen konnten. Zudem: In der letzten Zeit ist
auffällig, daß immer mehr junge Menschen diesen
Ritus kennenlernen möchten, ihn sich als
Möglichkeit neben der ordentlichen Form
wünschen und die Besonderheiten und Qualitäten
dieser Feier lieben und nicht mehr missen
möchten. Es sind also nicht die „ewig
Gestrigen“, die sich um diesen Ritus
bemühen, sondern gerade solche Christen, die den
Reichtum der katholischen Liturgie um diesen
wesentlichen Schatz erweitert sehen wollen. Das
bestätigen Meldungen von Gemeinden außerhalb
Europas und vor allem in den USA, wo dieser Ritus
geradezu das kirchliche Leben aufblühen und die
Zahl der Katholiken ansteigen läßt.
Nun hat die Pfarrei der Innenstadt auf Bitten
des Erzbischofs die Kirche St. Ulrich (Gaukirche)
für die Feier dieses außerordentlichen Ritus
zur Verfügung gestellt. Im September hatte der
Erzbischof bereits die Krypta des Domes für eine
Meßfeier in der Woche ausgewiesen. Damit kann
sich also jeder von der Wirksamkeit dieser Form
der Heiligen Messe überzeugen, sei es in
Anknüpfung an Erfahrungen von vor 40 Jahren, sei
es in einer Erstbegegnung. Auch wenn jemand für
sich keinen Zugang zur gregorianischen Messe
finden kann – ein Urteil darüber darf man
sich eigentlich erst erlauben, wenn man diesen
Gottesdienst vorbehaltlos kennengelernt und ihn
mitgefeiert hat. Und dazu ist in Paderborn nun
gute und vorbildliche Gelegenheit gegeben: An
jedem Sonn- und Feiertag um 11 Uhr in der
Gaukirche und an jedem Mittwoch um 18.30 Uhr in
der Krypta des Domes.

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Pro Missa Tridentina
Neubeginn
in Paderborn
Artikel aus dem Rundbrief der
Laienvereinigung für den klassischen römischen
Ritus in der kath. Kirche e.V.
Nr. 34, März 2008 (mit freundlicher Genehmigung
zur Veröffentlichung von Pro Missa Tridentina)


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